"The seventh day of artistic intelligence (AI)“ - seit 2023
Bereits seit Anfang der neunziger Jahre habe ich mich in Radierungen, Collagen, Siebdrucken, Bildern und immer wieder im Medium der Zeichnung mit der Darstellung von Schädeln und Körperfragmenten auseinandergesetzt. Mit dem Einzug der Künstlichen Intelligenz (KI) in digitale Werkzeuge (Photoshop & Co. seit Mai 2023), die ich seit vielen Jahren nutze, bekommen diese digitalen Arbeitsprozesse und neue bildgebende Verfahren eine unerwartete, dramatische Umwälzung und haben meine volle Aufmerksamkeit.
Unter dem Arbeitstitel „Art machine Dispenser" entstehen seit zwei Jahren Bilder mit gesetzten Anweisungen, Slogans, Claims in Frakturschrift (Tannenberg), die damit spielen, in den platzierten Prompt-Feldern dem Betrachter das Gesehene für die Interpretation vorzuformulieren. Künstler haben über die gesamte Kulturgeschichte mit dem gezielten und zum Teil versteckten Narrativen, Symbolen, Bildbestandteilen gearbeitet. Also auch mit ihrem authentischen und autarken Wissen um ihre Position. Wenn wir eine klassische Kreuzigungsdarstellung betrachten, ist uns die Darstellung geläufig, findet in uns keinen Widerspruch. Wir wissen, wie wir das Bild zu betrachten haben, und folgen mehr oder weniger automatisch der Erzähl-Struktur und akzeptieren die gewünschte Inhaltsdeutung.
Die künstlerische Intelligenz komponiert, verbaut Rätsel, versteckt Botschaften und Reflexionen im Medium. Die KI kann diesen Prozess der „Hidden Secrets“ nicht abbilden, sie ist nur ein statistischer Zugriff auf vordergründig erfragte Bildideen oder ähnliche Muster. Sie kann nicht qualitativ selektieren und ist von Bild-Klischees kontaminiert, was mittlerweile hinreichend u.a. anhand der Bildmuster der KI in Bezug auf Rassenklischees, Framing und Othering untersucht ist. Es findet gewissermassen ein Raubzug mit maximal verfügbarem Datenmaterial statt - eine digital flächendeckende Grundnetz-Fischerei.
Wenn die KI per Prompt-Eingabe Bilder generiert, wird auf Datenbanken zugegriffen, die mit Fotos gefüllt sind, deren Auswahlkriterien nicht offengelegt sind. Anhand von Feedbacks, der Rückkopplung der Nutzer, werden permanent die Algorithmen angepasst, mit anderen Anfragen verglichen und abgeglichen. So entstehen reihenweise, das Belohnungssystem fütternde, gleiche Bilder. Die Bildsprache - orientiert an Steampunk, Heavy Metal, Phantasy, Gothic Milieu und cineastischer Mittelalterverklärung oder auch z.B. Star Wars Applikationen - erscheint zusammengenäht und gelayert. Offensichtlich sind solchermaßen zusammengetragene Bildbestandteile technisch durch die KI am einfachsten zu vermengen. Ich halte diese Bilderzeugnisse für nicht autonom. Der Mensch in seinem Antrieb, sich zu äußern und zu erzählen, ist ein autonomes Agens, ein wirkendes, handelndes, tätiges Wesen. Die KI erscheint mir wie ein digitales Feuer. Wenn der Brennstoff verbraucht ist, erlischt der Verbrennungsprozess. In diesem Sinne erlischt sofort der automatisierte Prozess der KI, wenn die Zufuhr von statistischem Brennstoff unterbrochen wird.
Die künstlerische Intelligenz ermöglicht mir auf alle bekannten Bildstile, Epochen, Textbezüge, Abstraktionen, Symbole und Zitate anzuspielen, aber eben aus meinem persönlichen Fundus heraus und all dem was während der malerischen Prozesse passiert, vor allem stofflich, sinnlich und materialhaft. Diese autonomen Prozesse binden Zeit und können diese sichtbar werden lassen. Die Entscheidungen, die vom Künstler getroffen werden, sind für Betrachter wie Spuren zu untersuchen. Diese Arbeit, die der Betrachter zu leisten vermag, kann die KI nicht abbilden. Die Resultate der KI-Tools, die oftmals verblüffend sind, erheben ohne Anstrengung jede Person zu einem „Creator“.
Ich fühle stark diese Übersättigung, die Belohnung ohne Konzentration und die Beliebigkeit der Resultate. Ist das Arbeiten mit der KI im eigentlichen Sinne noch eine menschliche Aktivität? Die Grundlage des kreativen Arbeitens ist für mich immer noch der Planungs- und Denkprozess mittels der Zeichnung und eine skizzenhafte Notation zum jeweiligen Thema - zurzeit sind es für mich essentiellen Fragen zur KI. Welchen Zwecken dienen die entstehenden Bilder? Welche Sinn-Suche, Kontrollverluste, Verantwortungen, grundsätzliche Fragen werden manifest? Den Programmierern und Nutzern der KI fehlen elementare Grundtechniken der Bildsprache und des Kontextes. Es entstehen reihenweise Paraphrasen in Manierismen, immer wieder morphologische Gruselversatzstücke oder neu aufgelegte Versionen bereits unzählig oft wiederholter Bild- und Filmzitate in anderen Zeitparametern. Kritische Prompt-Befehle werden zudem zensiert und blockiert und die Bild-Resultate werden wahrscheinlich von Behaviouristen mit Dark Pattern manipuliert. Die Frage nach dem Ursprung dieser Metamorphosen und der eventuell komplett fehlenden Reflektion der Maschinenbediener (Programm-Entwickler und -Nutzer) treibt mich um. Wer sitzt da in diesen KI Unternehmen und verordnen uns Rechtssicherheit in jeglichem Politiksystem, in denen KI-Tools angeboten werden?
Das „Morphing“, wie es heute genannt wird, ist keine Erfindung der KI, sondern wird seit dem Menschen Geschichten erzählen und die Welt erklären eingesetzt. Um ein Beispiel zu nennen: Ovids „Metamorphosen“: „in neue Körper verwandelte Gestalten“ (lat. in nova … mutatas … formas/corpora, Ov. met. 1,1–2), das heißt es werden Verwandlungen von einer früheren Form in eine andere erzählt, die zu neuen Körpern führten. 
Ist die KI eine riesige Sehnsuchtsmaschine in einer Blase und eine Sinnsuchmaschine mit Fress-Sucht? Ich prompte, also bin ich? Ist KI ein nicht-stoffliches Suchtmittel? Durch wen oder wodurch ist die KI kontaminiert? Wer programmiert diese Glossy, Shiny, „Everything is possible“ Algorithmen, die in der Anwendung zu großen Teilen Bild-Ideen zensiert? Ist die Nutzung der KI eine menschliche Aktivität? Wird da überhaupt etwas hergestellt oder geschaffen? Gibt es da etwas Wirkliches oder ist es nur ein Raubzug, ein statistisches Wiederkäuen, ein entgrenztes, ungefiltertes Absaugen bereits vorhandener kreativer Erzeugnisse?
Nach meinem Verständnis muß sich ein akzeptables Bild selbst widersprechen können. Es sollte das sogar unbedingt soweit tun, daß schließlich Ambivalenz und Befremden oder Anziehung und Interesse entsteht. Unbedingte Ambivalenz anstelle irgendeiner konkreten Bildbotschaft, die sich verschiedenster Klischees bedient, ohne sich der eigenen Bildsprache bewußt zu sein.
Thorsten Kirsch im September 2024
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